„Sie dürfen nicht in den Fluren rennen, Lärm machen oder Müll von der Straße holen. Sie müssen ordentlich, gehorsam und respektvoll gegenüber dem Vermieter sein. Ist das verständlich?“
„Ja, Ma’am“, flüsterte das Mädchen.
Mrs. Carter seufzte. In ihren Augen lag kein Groll, nur Misstrauen. Sie hatte schon viele Leute erlebt, die Mr. Evans’ Gutmütigkeit ausnutzten. Doch irgendetwas an diesem Mädchen beunruhigte sie.
Richard betrat den Raum und spürte die Spannung.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er.
„Ja, Sir“, antwortete Carter. „Ich erkläre dieser jungen Dame gerade die Regeln.“
Emily sah ihn an und lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. Ihre Augen schienen zu sagen: „Ich werde es versuchen.“
Richard nickte und setzte sich an den Tisch. Ein neuer Tag – und ein neues Leben – erwarteten sie beide.
Kapitel 3. Die Welt der Reichen aus der Sicht eines Straßenkindes
Der erste Tag im neuen Zuhause war eine echte Bewährungsprobe für Emily.
Zuerst traute sie sich nicht, das Frühstück anzurühren. Sie starrte die goldbraunen Brötchen und das duftende Omelett an, als wären sie verboten. Sie hatte sich an trockenes Brot aus dem Müll gewöhnt, an die harten Kekse, die ihr freundliche Passanten manchmal gaben. Und plötzlich – eine schneeweiße Tischdecke, glänzendes Geschirr, ein dampfender Teller.
„Iss“, sagte Richard leise, als er ihre Verwirrung bemerkte.
Emily nahm vorsichtig ihre Gabel und kostete. Der Geschmack war so intensiv, dass sie beinahe weinte. Doch sie fasste sich schnell wieder und erinnerte sich daran, dass es verboten war, vor anderen zu weinen.
Nach dem Frühstück führte Mrs. Carter sie durch das Haus. Das Mädchen ging mit an die Brust gepressten Händen und nahm alles um sich herum mit angehaltenem Atem in sich auf.
„Das ist das Wohnzimmer“, sagte die Vermieterin trocken und deutete auf einen geräumigen Raum mit Kamin. „Hier empfängt der Eigentümer wichtige Gäste. Betreten Sie diesen Raum nicht ohne Einladung.“
Sie gingen durch Gänge, die mit Gemälden und Fotografien geschmückt waren. Emily blieb vor einem der Porträts stehen – ein junger Richard, noch nicht ergraut, mit Schutzhelm, stehend neben einem unfertigen Gebäude.
„Das war Ihr Chef vor zwanzig Jahren“, sagte Carter. „Er hat die Firma ganz allein von Grund auf aufgebaut.“
Emily nickte. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass einst ein Mann in einem teuren Anzug auf einer Baustelle inmitten von Beton und Ziegelsteinen gestanden hatte.
Als sie im zweiten Stock ankamen, zeigte ihnen Mrs. Carter die Bibliothek. Für das Mädchen war es eine Offenbarung: Hunderte von Büchern in den Regalen, der Geruch von Papier und altem Leder. Sie erstarrte im Türrahmen, wie vor einem Altar.
„Kannst du lesen?“, fragte Carter plötzlich.
„Ein bisschen“, gab Emily zu. „Meine Großmutter hat es mir beigebracht. Sie sagte, wenn man lesen kann, ist man nie allein.“
Zum ersten Mal huschte ein Hauch von Lächeln über das Gesicht der Gastgeberin.
– Du kannst in der Bibliothek sitzen. Aber sei vorsichtig mit den Büchern, okay?
Emily nickte so heftig, dass ihr Strähnen ihres zerzausten Haares ins Gesicht fielen.
Der Tag verging wie im Flug. Die Bediensteten beäugten das Mädchen besorgt, manche neugierig, andere misstrauisch. Die Köche in der Küche tuschelten, als Richard anordnete, separate Gerichte für sie zuzubereiten. Der Gärtner hob überrascht die Augenbrauen, als er sah, wie das Mädchen die Blumen andächtig betrachtete.
Emily empfand diese Welt als fremd. Zu groß, zu glitzernd. Und doch übte sie eine starke Anziehungskraft aus. Sie fürchtete sich davor und fühlte sich gleichzeitig zu ihr hingezogen.
An diesem Abend fand Richard sie in der Bibliothek. Sie saß auf dem Teppich und hielt ein riesiges Bilderbuch auf dem Schoß.
„Gefällt es dir?“, fragte er und setzte sich neben sie.
„Ja“, nickte sie. „Hier gibt es eine ganze Welt. Noch besser als im Film.“
„Du kannst auch ins Kino gehen“, grinste er. „Wann immer du willst, sag einfach Bescheid.“
Sie sah ihn an.
“Kann ich… hier bleiben? Nicht heute, aber generell.”
Richard schwieg einen Moment. Er sah die Angst in ihren Augen – die Angst, hinausgeworfen zu werden, dass das alles nur vorübergehend war.
