Emily wurde in ein helles Zimmer mit einem großen Bett und einem weichen Teppich gebracht. Das Mädchen wagte es nicht einmal, sich auf das Bett zu setzen – sie blieb an der Tür stehen und presste die Hände an die Brust.
„Ziehen Sie Ihre Kleider aus“, sagte Mrs. Carter trocken. „Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen sich etwas anziehen.“
„Ich… ich habe keine andere“, flüsterte Emily zurück.
Ein Anflug von Mitleid huschte über die Augen der Haushälterin, doch ihre Stimme blieb kalt:
– Es wird jetzt so weit sein.
An jenem Abend lag Emily lange in ihrem sauberen Bett und konnte nicht schlafen. Sie hatte Angst, dass am Morgen alles verschwunden sein würde – und sie sich wieder auf der Straße wiederfinden würde. Sie umklammerte sogar die Ecke ihres Kissens, als wäre es das Einzige, was ihr niemand nehmen konnte.
Unten im Arbeitszimmer saß Richard am Kamin und blickte nachdenklich in die Flammen. Er erinnerte sich an seine eigene Kindheit: die kalten Nächte, den Hunger, die Angst. Er wusste, dass alles anders verlaufen wäre, wenn ihm jemals jemand geholfen hätte. Nun hatte er die Gelegenheit, dasselbe für ein anderes Kind zu tun.
Und er beschloss fest: Dieses Mädchen sollte sein Schicksal nicht teilen.
Kapitel 2. Schatten der Vergangenheit
Die Nacht war still. Draußen vor den Fenstern der Villa funkelten die Sterne über Chicago, und im Kamin knisterte ein Feuer. Richard Evans saß in einem Sessel, die Hand auf der Armlehne, und starrte ins Feuer.
Das Bild jenes Abends ging ihm nicht mehr aus dem Kopf: das Mädchen mit den großen, hungrigen Augen, der zitternden Stimme und dem vorsichtigen Lächeln, als er sie in sein Haus einlud. Bilder aus seiner eigenen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die er jahrelang zu vergessen versucht hatte, wurden in seinem Kopf wieder lebendig.
Er war erst acht Jahre alt, als alles zusammenbrach. Seine Mutter starb an einer Krankheit, gegen die die Ärzte keine Lösung fanden. Sein Vater verschwand spurlos. Manche sagten, er sei weggegangen, um Geld zu verdienen, und nie zurückgekehrt, andere, er sei gestorben. Doch dem kleinen Richard war das egal: Hauptsache, er hatte seine Ruhe.
Anfangs gab es Tage in der Notunterkunft – schmutzige Betten, Menschenmassen, fremde Kinder mit leeren Augen. Doch dann floh er. Es war kalt, beängstigend, und niemand kümmerte sich um ihn. Auf der Straße, dachte er, war alles besser: Er konnte sich aussuchen, wo er schlief, er konnte auf ein Stück Brot zählen.
Im Winter schlief er in Pappkartons, zwischen den Häusern vor dem Wind geschützt. Im Sommer suchte er nach Flaschen und Dosen, die er für ein paar Cent verkaufen konnte. Manchmal hatte er Glück: Ein Vorbeigehender gab ihm eine Münze oder ein Brötchen. Meistens aber begegnete er Gleichgültigkeit. Die Leute gingen an ihm vorbei, als wäre er unsichtbar.
Doch der kleine Richard hatte einen Traum: eines Tages in einem Restaurant an einem Tisch zu sitzen. Nicht Essensreste zu stehlen, nicht am Fenster zu stehen, sondern drinnen zu sitzen wie ein normaler Mensch und warmes Essen zu genießen. Dieser Traum wärmte ihn in den kältesten Nächten.
Im Laufe der Jahre lernte er zu überleben. Er nahm Gelegenheitsjobs an, wusch Autos und trug Taschen. Später, als er erwachsen war, fand er Arbeit auf dem Bau. Er nutzte jede Chance, denn er wusste, dass er sterben würde, wenn er aufhörte.
Dort, auf einer Baustelle, wurde er von dem Mann entdeckt, der sein Leben verändern sollte. Der alte Vorarbeiter, Mr. Harvey, sagte einmal:
„Junge, du hast das im Griff. Lass es dir nicht entgehen. Lerne, lies, denke mit dem Kopf. Geschickliche Hände sind wichtig, aber noch wichtiger sind die Fähigkeiten des Zählens und Bauens.“
Diese Worte markierten den Beginn von Richards Reise. Er kaufte gebrauchte Bücher über Bauwesen und Architektur und las sie abends im schwachen Licht einer Lampe in einem gemieteten Zimmer. Jahre später wurde er Inhaber seines eigenen Unternehmens.
Doch die Erinnerungen an seine Kindheit blieben. Und nun, als er die dünne Emily ansah, erkannte er sich selbst in ihr.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. „Warum sie?“, dachte er. „Warum durchdrang ihre Stimme meine Rüstung?“
Vielleicht lag es daran, dass sie kein Geld verlangte. Sie wollte ihn weder unterhalten noch ihm schmeicheln. Sie bat einfach nur um ein Stück Brot und ein wenig Aufmerksamkeit. Und damit erinnerte sie ihn an sich selbst – an den Jungen, der an den Türen von Passanten klopfte, aber selten eine Antwort erhielt.
Richard seufzte. Sein Geschäft warf Millionen ab, sein Name war in Chicago bekannt, er konnte sich alles leisten. Doch keine Belohnung, keine Anschaffung hatte ihn je so tief berührt wie die Bitte dieses Mädchens.
Währenddessen wälzte sich Emily oben im Bett hin und her. Das Zimmer war zu groß, das Bett zu weich. Die Stille war beängstigend. Draußen herrschte ständig Lärm: Autos, Geschrei, Stimmen. Hier war es still, und in dieser Stille konnte sie ihren eigenen Herzschlag hören.
Sie dachte an ihre Großmutter. Die hatte immer gesagt: „Verliere nie den Glauben an die Menschen, selbst wenn ihre Herzen aus Stein zu sein scheinen.“ Emily ballte die Fäuste und kämpfte gegen die Tränen an. Wenn ihre Großmutter sie doch nur jetzt sehen könnte …
„Oma“, flüsterte das Mädchen in die Dunkelheit, „ich werde versuchen, tapfer zu sein.“
Sie schloss die Augen und schlief zum ersten Mal seit Wochen ein, nicht vor Erschöpfung, sondern weil sie spürte, dass jemand in der Nähe war und bereit, sie zu beschützen.
Der Morgen brachte neue Herausforderungen. Als Emily ins Esszimmer ging, wartete dort das Frühstück auf sie: frische Brötchen, ein Omelett und Saft. Doch auch Mrs. Carter saß mit am Tisch. Die Gastgeberin musterte das Mädchen aufmerksam über den Rand ihrer Brille hinweg.
„Setzen Sie sich“, sagte sie. „Ich hoffe, Sie verstehen, dass der Ort, an dem Sie sich befinden, gewisse Regeln erfordert.“
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