Menschen, die Gegenstände horten, leben nicht freiwillig in Unordnung: Ein Psychologe enthüllt, was sich dahinter wirklich verbirgt.

Eine Reaktion auf ein Trauma: das Bedürfnis, sich etwas anzusammeln

Der Psychogeriater Jean-Claude Monfort erklärt, dass das Diogenes-Syndrom häufig eine Reaktion auf ein Trauma ist, das oft in der Kindheit oder im Erwachsenenalter erlebt wird, wie beispielsweise ein schwerer Familienzusammenbruch, ein Trauerfall oder ein plötzlicher Orientierungsverlust. Solche Ereignisse können einen Menschen tiefgreifend schwächen und zur Entwicklung einer starken psychischen Widerstandsfähigkeit führen, deren Anhäufung zu einem Schutzmechanismus wird.

Wie der Philosoph Diogenes von Sinope, der von einem komfortablen Leben in bitterste Armut stürzte, entwickeln Betroffene durch Horten eine Art inneren Schutzmechanismus. Dieses Verhalten symbolisiert ein unbewusstes Bedürfnis nach Bestätigung, nach dem Wiederaufbau einer schützenden Hülle und nach dem Wiedererlangen eines gewissen Maßes an Kontrolle angesichts von Angst und Leid.

Die Folgen des Syndroms und die Schwierigkeit der Intervention

Trotz ihres Leidens bitten Menschen mit Diogenes-Syndrom in der Regel nicht um Hilfe und empfinden ihren Lebensstil nicht als problematisch. Diese fehlende Hilfsbereitschaft macht jede Intervention besonders heikel. Laut Jean-Claude Monfort ist es daher unerlässlich, behutsam und respektvoll vorzugehen und sich Schritt für Schritt in ihre Lebenswelt einzufühlen, bevor man Veränderungen in Erwägung zieht.

Ein harscher Eingriff, wie beispielsweise eine Zwangsreinigung ohne Einwilligung, kann erhebliche psychische Traumata verursachen. In manchen Fällen kann er zu schweren Störungen oder sogar schwerwiegenden medizinischen Komplikationen führen. Daher ist es unerlässlich, die betroffene Person zu unterstützen, externe Ressourcen zu mobilisieren und Werturteile zu vermeiden, um einen langsamen, aber nachhaltigen Wandel zu ermöglichen.

Was tun, wenn ein geliebter Mensch am Diogenes-Syndrom leidet?

Die Behandlung des Diogenes-Syndroms erfordert Zeit, Geduld und die Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte: Familie, Freunde, Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte. Ziel ist es nicht, den Lebensstil drastisch zu verändern, sondern den Betroffenen mitfühlend zu unterstützen und sein Tempo und seine Fähigkeiten zu respektieren.

Einem geliebten Menschen mit dieser Erkrankung zu helfen, ist ein langer und komplexer Weg. Doch indem man Zuhören, Verständnis und  angemessene psychologische Unterstützung in den Vordergrund stellt  , ist es möglich, die Symptome schrittweise zu lindern und den Weg für ein sichereres und friedlicheres Leben zu ebnen.