Anders als oft angenommen, ist das Abbrechen von Beziehungen keine impulsive Handlung. Laut Alice Zic, einer Therapeutin, die von Verywell Mind interviewt wurde, ist es meist ein Akt des Selbstschutzes. Wenn Interaktionen immer wieder zu Spannungen, Stress oder psychischer Erschöpfung führen, erscheint Distanz als Rettungsanker. Viele beschreiben diesen Moment als letzten Ausweg, notwendig, um das emotionale Gleichgewicht wiederzuerlangen und sich selbst wiederzufinden – ähnlich wie nach einem langen Lauf, bei dem man keine Luft holen konnte, kurz innezuhalten.
Sofortige Erleichterung und anhaltende Traurigkeit: ein rätselhaftes Duo
Die erste und zweifellos beunruhigendste Folge ist dieses Gemisch widersprüchlicher Gefühle. Einerseits stellt sich ein echtes Gefühl der Ruhe ein. Weniger Stress, weniger ängstliche Erwartung, mehr innerer Frieden: Der Alltag erscheint plötzlich leichter. Manche sprechen sogar von einem wiedergewonnenen Sicherheitsgefühl, als könnten sie endlich ihre Wachsamkeit aufgeben.
Doch sehr schnell taucht ein anderes Gefühl auf: Traurigkeit. Es geht nicht nur um das Bedauern vergangener Momente, sondern um die Trauer um eine idealisierte Beziehung, ein familiäres Band, das man sich anders gewünscht hätte. Dieser Kummer ist oft subtil, aber beständig, wie ein anhaltender Nieselregen. Mit der Zeit mildert er sich und wandelt sich, ohne jemals ganz zu verschwinden.
Das Gewicht der Meinungen anderer und der Familiennormen

Zu dieser inneren Zerrissenheit gesellt sich ein sehr realer äußerer Druck. Die Familie gilt in Frankreich nach wie vor als unantastbar, und eine Distanzierung von ihr kann Missverständnisse und Vorurteile hervorrufen. Patricia Dixon betont, wie diese gesellschaftlichen Erwartungen das Unbehagen noch verstärken können. Man fühlt sich gezwungen, die eigene Entscheidung für das eigene Wohlbefinden zu erklären, zu rechtfertigen und sich manchmal sogar dafür zu entschuldigen.
In bestimmten kulturellen oder familiären Kontexten, in denen die Solidarität zwischen den Generationen im Mittelpunkt steht, kann diese Entscheidung ein anhaltendes Schuldgefühl hervorrufen. Man schwankt dann zwischen dem Bedürfnis, sich besser zu fühlen, und der Angst, andere zu enttäuschen – eine zermürbende Spannung, deren Bewältigung Zeit und viel Selbstmitgefühl erfordert.
Die Wiederherstellung des emotionalen Gleichgewichts, Schritt für Schritt
Die dritte Folge ist oft die konstruktivste: die Notwendigkeit, den Begriff „Familie“ neu zu definieren. Ohne traditionelle Bezugspunkte ist der Einzelne aufgefordert, ein neues emotionales Umfeld zu schaffen. Enge Freunde, Partner, vertraute Kollegen oder Mentoren werden dann zu dieser „Wahlfamilie“, die bedingungslos unterstützt, zuhört und versteht.
Fachleute empfehlen zudem, sich während dieses Übergangs Unterstützung zu suchen. Ein Raum für Gespräche, ob einzeln oder in der Gruppe, ermöglicht es, Gefühle auszudrücken und Selbstvertrauen zu gewinnen. Joshua Coleman betont, wie wichtig es ist, klare Grenzen zu setzen und die eigenen Bedürfnisse zu definieren, insbesondere wenn zukünftige Veränderungen in der Beziehung zu erwarten sind.
Sich selbst die Erlaubnis zu geben, im eigenen Tempo voranzukommen, umgeben von den richtigen Menschen, verwandelt diese schwierige Zeit nach und nach in eine Chance für persönliches Wachstum.
